Wege durch Raum und Zeit - Eine grenzüberschreitende Kunstinstallation in zwei Kirchen

Evangelische Kirche Raumland Bad Berleburg-Raumland, Bonifatiusstraße 7
Evangelische Auferstehungskirche Gleidorf Schmallenberg-Gleidorf, Jahnstr. 5

11. Juli bis 28. August 2014 - Täglich 10:00 bis 18:00

Schiefer und Schuhe im spirituellen Sommer - Artikel in der WAZ vom 18.07.2014
Brückenschlag über den Rothaarkamm - Artikel in der WAZ vom 18.07.2014

11. Juli 2014

Eröffnungsrede Evangelische Kirche Raumland

Gegenwartskunst in der Kirche ist keine Ergänzung zur illustrativen Bebilderung gottesdienstlicher Räume und Gegenstände, wie sie von der Kirchenkunst her bekannt ist. Die überlieferten Bildkonventionen in den Kirchen entbehren nicht der künstlerischen Qualität (Hinweis auf die Fresken), aber wenn sie lediglich fortgeschrieben werden, entsteht nicht die nötige Offenheit für eine kreative Auseinandersetzung der Künstlerinnen und Künstler mit dem Anspruch des sakralen Raums. Künstlerische Interventionen sind nicht darauf ausgerichtet, einen Altar, ein Kreuz, eine Madonna usw. zu schaffen, sondern sie versuchen, zuvor Unbemerktes oder Unentdecktes oder Unerzähltes sichtbar zu machen. Und so lotet die Künstlerin Gabriele Schulz mit ihren eigenen Mitteln und nach ihren eigenen künstlerischen Maßstäben den sakralen Raum hier in der Evangelischen Kirche Raumland aus und setzt ihre Werke zu der dichten historischen Gegebenheit des Ortes in Beziehung.

Die Künstlerin, 1943 in Attendorn geboren, lebt und arbeitet in Schmallenberg. Nach ersten Studien in der Werkstatt des Bildhauers Johannes Dröge in Sundern hat ihr vor allem das Studium der Bildhauerei an der Europäischen Kunstakademie Trier bei Pierre Weber entscheidende Impulse für ihr künstlerisches Schaffen gegeben. Seit Mitte der 1980er Jahre hat sie zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland bestritten und außerdem an verschiedenen Platzgestaltungen und Skulpturenprojekten mitgewirkt, z.B. in Hagen, Berlin, Trier, Bad Fredeburg. Seit 1985 ist Gabriele Schulz Künstlermitglied im Hagenring und beteiligt sich regelmäßig an dessen Ausstellungen, u.a. im Karl-Ernst-Osthaus-Museum. Außerdem gehört sie seit 2009 der Künstlergemeinschaft „Sauerland Art“ an.

Sie nutzt in ihrer Kunst vorwiegend natürliche Materialien wie Holz, Reisig oder Schiefer sowie den Werkstoff Zellulose. Hinter der scheinbaren Einfachheit der Papierobjekte verbirgt sich ein komplexer Arbeitsprozess. Die Objekte sind massiv aufgebaut, d.h. durch eine Schichtung von Zellulosemasse, deren Grundstoff aus Tageszeitungen gewonnen ist. Der Zellstoffbrei wird wiederholt aufgetragen, dabei mit Farbpigment versetzt, und dann getrocknet. Ein mitunter langwieriger Vorgang, der Konzentration, Übung, Geduld braucht. Aus mehreren Lagen Zellulose gebildet, sind ihre Arbeiten räumliche Objekte, in denen sich die Farbe über mehrere Schichten hinweg entwickelt.

Auch der Kelch ist aus Zellulose gefertigt und mit feinen Salzkristallen bedeckt. Wie ein Solitär wirkt er dort im Chorraum platziert. Was will der Kelch, was meint er? Ist er Meditationsinstrument? Rituelles Becken? Christliches Symbol? Natürlich lässt sich hier im Kontext der Kirche der Kelch als christliches Motiv deuten, als Symbol der Opferbereitschaft und Einsetzung des Abendmahls. Gabriele Schulz setzt dieser Form universeller ein: Der Kelch ist Form gewordene Erzählung oder Empfindung, ein Sammelbecken für all‘ das, was uns bewegt, was wir hineinlegen möchten.

Im Chorraum streben zwei Stelen mit geschichtetem Schiefer empor. Sie stehen wie selbstverständlich da und wirken doch wie etwas Eigenes, Fremdes, das nicht zu den liturgischen Abläufen gehört. Wie der Lebensbaum symbolisieren die Stelen die Verbindung von Oben und Unten, von Himmel und Erde.

Der Installation „Erwartung“ besteht aus einem Kleid, das auf einem Hocker drapiert liegt, daneben steht ein Paar Schuhe. Diese Inszenierung erinnert mich an René Magrittes Gemälde eines im Schrank hängenden leeren Kleides, das die Spuren des Körpers zeigt, von dem es einst getragen worden ist Es zeugt von dem Leben, das der Körper dem Kleid eingehaucht hat, zugleich aber auch von der Vergänglichkeit dieses Kleider-Lebens und verweist damit gleichzeitig auf die Vergänglichkeit des menschlichen Körpers, ja, des Lebens schlechthin. So fragt man sich bei der Installation von Gabriele Schulz: Ist der abwesende Körper gestorben oder trägt er einfach ein anderes Kleid? Ist die leere Hülle ein Vanitas-Motiv, Medium des Gewesenen oder die Spur einer fiktiven oder realen Person?

Die Installation, die Gabriele Schulz im Jahr 2006 in Erinnerung an die ottonische Kaiserin Theophanu und ihre Tochter Mathilde für eine Ausstellung in der Abtei Brauweiler bei Köln geschaffen hat, stellt mithin die allgemeingültige Frage nach den letzten Dingen: Was bleibt? Vergänglichkeit; Veränderung, Erneuerung sind unserem, dem irdischen, Leben als Bedingung eingeschrieben. Wir können dem Lauf der Zeit nicht trotzen, aber wir können uns in der Zeit geborgen fühlen, denn Vergänglichkeit ist ein Werkzeug des Ewigen.

Den Titel des Kunstprojekts „Wege durch Raum und Zeit“ aufgreifend und als Verweis auf dessen Fortsetzung in der Gleidorfer Kirche, hat Gabriele Schulz am Rande des Chorraumes Schuhe platziert. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wanderten evangelische Christen auf der Suche nach einem neuen Lebensraum aus der Urpfarre im Wittgensteiner Land über den Rothaarkamm ins Schmallenberger Sauerland aus, nach Gleidorf. Dieses Unterwegssein, die Fußmärsche über den Berg, symbolisiert die Künstlerin mit den von ihr gefertigten Schuhen, den Wanderstöcken, dem Bündel und nimmt die historische Spur von Raumland bis in die Auferstehungskirche in Gleidorf auf. Dort werden Sie augenfällig die verbindenden künstlerischen Elemente der grenzüberschreitenden Kunstinstallation entdecken.

Dr. Andrea Brockmann

11. Juli 2014

Eröffnungsrede Evangelische Kirche Gleidorf

Symbole und Zeichen des Göttlichen und Spuren des Menschlichen vereint die Künstlerin Gabriele Schulz in beiden beteiligten Kirchen zu einer Installation, die in Form und Material den Weg durch Raum und Zeit versinnbildlicht. Verbindendes Element der beiden Interventionen im Kirchenraum sind zwei große Kelche, geformt aus vielen Schichten Zellulose und bedeckt mit feinen Salzkristallen.

In Raumland im Chorraum als Solitär platziert, ist der Kelch hier in Gleidorf Mittelpunkt einer Installation, die den Aufbruch und das Ankommen sowie das Unterwegssein thematisiert. Denn der Kelch steht nicht isoliert, sondern ist umgeben von Schuhobjekten, wird mithin zum Symbol für ein Gastmahl und das gemeinsame Feiern des Gottesdienstes, das den evangelischen Christen hier in Gleidorf mit dem Erbauen ihrer eigenen Kirche an dieser Stelle 1873 möglich war. Mit großer Fantasie und Sensibilität gelingt es der Künstlerin mit ihren eindringlich-einfach Schuhformen aus Zellulose, die Unterschiedlichkeit der Menschen bildhaft zu machen, jener Menschen, die sich damals auf dem Weg gemacht haben, um in Gleidorf zu siedeln und eine Heimat zu finden. Es sind große und kleine Schuhe, in bäuerlicher Art wie Holzpantinen geformt oder als eher wohlhabende Version an feines Leder erinnernd. Es sind universelle Zeichen mit individuellem Ausdruck. In jedem Paar Schuhe steckt eine Geschichte, ein Individuum, ein Schicksal, ein Leben. Gabriele Schulz‘ Schuhe sind kein „objet trouve“, kein Readymade, keine vorgefundenen Alltagsgegenstände, sondern sie hat die einmalig-autonome Formen im künstlerischen Prozess gestaltet, in der ihr eigenen Arbeitsweise der Zellulose-Papier-Verarbeitung. Auch wenn die Künstlerin hier den konkreten Bezug zur Geschichte der evangelischen Gemeinde herstellt, so sind diese Formen für mich ein universal-markantes Zeichen der menschlichen Wanderbewegungen, der Vertreibungen, Umsiedlungen, Abschiebungen, Zeichen des Ausreisens, Weggehens, Aufbrechens.

Hannah Arendt hat einmal gesagt „Auf dem Atlantik baue ich mein Haus“. Die große Soziologin und Politologin, die 1906 in Deutschland geboren wurde, galt ab 1937 als staatenlos bis sie 1951 amerikanische Staatsbürgerin wurde. Das Haus auf dem Atlantik, auf dem Meer der Entdecker, Händler und Flüchtlinge, zwischen den Kontinenten, zwischen den Menschen unterschiedlicher Kulturen und Vergangenheiten, mag sowohl ein Bild für Heimatlosigkeit sein, als auch für die Vision von einer geistigen Heimat ohne Grenzen stehen, mit einer tragfähigen Basis aus Humanität.

Die Häuser von Gabriele Schulz sind nicht auf dem Wasser, sondern mit harten Schieferplatten gebaut, aber sie wirken auf ihren hohen filigranen Füßen wie über den Wogen des Meeres thronend und werden im Kontext der Kirche und der Gesamtinstallation zur symbolträchtigen Metapher für Geborgenheit und Zuhausesein. Das Haus als formales Sinnbild hat bemerkenswerte Tradition, denken wir u.a. an Werner Pokornys Skulpturen, an Chillida’s Goethe-Haus oder an das Baumhaus von Timm Ulrichs. Man könnte noch die körperlos scheinenden Reishäuser von Wolfgang Laib hinzunehmen. Was sie alle mit den Häusern von Gabriele Schulz verbindet, ist die Reduktion auf den Prototyp, die einfachste Form, die ausreicht, um eine Vorstellung in uns hervorzurufen. Es sind serielle Hausformen und sie tragen kein Versprechen in sich, „Haus“ zu sein, so wenig wie auf dem Atlantik Häuser gebaut werden können. Zu der abweisenden Verschlossenheit der Schiefer-Häuser kommt in diesem Fall die grau-schwarze Farbe des Schiefers, die jeden Anflug von Heimeligkeit unterwandert und den Eindruck von Anonymität verstärkt. Diese Hausskulpturen wirken archaisch, wie aus der Zeit gefallen bzw. die Häuser sind Zeitspeicher, die die Geschichte, das kollektive Gedächtnis, die Erinnerung an die Ahnen sowie die Existenz im Diesseits über die Zeit in sich aufbewahren. Es sind Orte eines Lebens, die außen sehr verschlossen wirken, jedoch im Inneren erahnen wir Strukturen, Gänge, Treppen, Wege, die wir in unserem Leben gehen. Eines der Häuser, aus zwei Teilen bestehend, verbunden durch eine gemeinsame Basis, könnte ein Symbol für das gesamte Projekt sein, das an zwei Orten stattfindet, aber von einer gemeinsamen Idee getragen wird.

Ebenso symbolisieren die Nester an den Fenstern Orte des Lebens, Orte der Geborgenheit, der Obhut, aber auch des Aufwachsens, des Flüggewerdens, des Aufbrechens: dafür stehen die mit körnigem Salz überzogenen Verkrustungen, die verflossene bzw. vergehende Zeit kristallisieren. Die Zelluloseobjekte sind innen an den Fenstern befestigt, geben also im Kirchenraum ein Zuhause, lassen den Blick zugleich auch frei auf das Draußen, die Welt, das Andere.

Und so führt der Weg durch Raum und Zeit, von Raumland nach Gleidorf, von der Kunst zur Religion und umgekehrt. Die Künstlerin Gabriele Schulz hat ihre Interpretation dieses Weges bildhaft gemacht und ich hoffe, dass sich bis zur Finissage am 21. August viele interessierte Kirchenbesucher und Kunstfreunde auf den Weg nach Raumland und nach Gleidorf machen. Sie sind diesen Weg heute schon gegangen bzw. gefahren - dafür und für Ihre Aufmerksamkeit vielen Dank!

Dr. Andrea Brockmann